Marc L. ist 45 Jahre alt und gelernter Elektriker mit Berufsmaturität. Er wuchs in einer Grossfamilie im Emmental auf und genoss eine wohlbehütete Kindheit. Nach einer herausfordernden Zeit mit Schicksalsschlägen nahm Herr L. an einem Arbeitstraining in der Südhang Arbeitsintegration & Handels AG teil. Das Gespräch fand im Januar 2025 statt.

Herr L., Sie stehen mitten im Leben, sind gut ausgebildet und haben langjährige Berufserfahrung. Warum sind Sie hier?

Ich habe meine Lehre im Familienbetrieb gemacht und arbeitete dann fast dreissig Jahre lang dort. Ich war da sehr wohl, wurde aber in gewisser Weise auch geschützt.

Inwiefern geschützt?

Ich war schon immer ein ängstlicher Mensch mit einem feinen Gemüt und wurde immer wieder von psychischen Schwierigkeiten herausgefordert. Die Familie hat das mitgetragen. Wenn ich zum Beispiel bei einem Kunden war und eine Maschine nicht funktionierte, dann wurde ich schnell nervös und gestresst. Ich konnte dann auf meinen Vater oder Bruder zurückgreifen und musste keine Verantwortung übernehmen. Bei Abwesenheiten und Fehlzeiten musste ich mich nicht erklären und behielt stets meinen Platz im Betrieb.

Das hat sich dann aber geändert?

Ja, im Jahr 2023 wurde der Familienbetrieb umstrukturiert und die Elektroabteilung, in der ich arbeitete, wurde aufgelöst. Kurz darauf ist meine überaus geliebte Mutter altersbedingt verstorben. Sie war meine wichtigste Stütze im Leben und verstand mich immer am besten. Auch sie hatte ein feines Gemüt und war gesundheitlich angeschlagen. Die Umstrukturierung und der Tod meiner Mutter haben mich aus der Bahn geworfen. Das erste Mal im Leben musste ich für mich und meine Zukunft selbst die Verantwortung übernehmen.

Wie ging es weiter?

Durch den Wegfall meiner angestammten Tätigkeit im Familienbetrieb und meiner vorhandenen psychischen Belastung – ich war auch schon in stationärer Behandlung – durfte ich relativ rasch bei der IV vorsprechen. Im April 2024 konnte ich dann bereits mit einem Aufbautraining in der GEWA Schönbühl starten. Das war ein echter Glücksfall für mich!

Was haben Sie in der GEWA gemacht?

Ich habe zuerst vier Monate lang im Radbau für die Marke Stromer (S-Pedelec) gearbeitet. Das bereitete mir grosse Freude, da ich selbst auch mit einem Stromer unterwegs bin. Dann habe ich zum Gebäudeunterhalt gewechselt. Das gefiel mir weniger gut und ich durfte nochmals wechseln. Ich war dann bei den Leuchten, was mir wieder viel besser passte. Die Wechsel waren jeweils sehr herausfordernd für mich, aber ich wollte mich diesen Herausforderungen stellen, Neues ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Das hat mich gestärkt. Ich habe keinen einzigen Tag gefehlt.

Herr Lehmann reinigt USM-Regal.

Und nun arbeiten Sie in der Südhang Arbeitsintegration & Handels AG.

Genau. Nach sieben Monaten in Betrieben der GEWA bin ich jetzt hier im Arbeitstraining im ersten Arbeitsmarkt. Gestartet habe ich mit dem Reinigen und Aufbereiten von gebrauchtem USM-Material. Nun darf ich auch bei der Auslieferung und Fertigmontage der schönen und hochwertigen USM-Produkte mithelfen.

Was gefällt Ihnen besonders an der Arbeit hier?

Die Arbeit hier ist wie ein Traum. Ich darf etwas handwerklich zusammenbauen und dann zu den Kunden ausliefern. Im Moment baue ich grad eine Glasvitrine zusammen, lustigerweise für die GEWA in Bern. Ich hoffe, dass ich die Vitrine dann auch ausliefern darf. Der Umgang mit den Kund*innen fällt mir leicht und macht mir grosse Freude. Es hat sich schon in der GEWA gezeigt, dass ich sehr gut mit Menschen umgehen kann, gerade auch mit Menschen, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen.

Wie erleben Sie das Team?

Sehr gut. Gerade zu Beginn meines Arbeitseinsatzes half mir der Kontakt zu einem Kollegen, der ebenfalls in der Arbeitsintegration tätig war. Er hatte auch einen persönlichen Schicksalsschlag erlitten und war im gleichen Boot am Rudern wie ich. Ich fühlte mich dadurch gestärkt. Der Austausch mit den Menschen hier ist sehr wertvoll und respektvoll. Auch die Begleitung der Werkstattleiterin Frau Tscholl-Egli schätze ich sehr. Sie gibt mir viel positives Feedback. So gewinne ich an Selbstvertrauen und die innere Nervosität verschwindet langsam.

Wie geht es nach Ihrem Arbeitseinsatz in der Südhang Arbeitsintegration & Handels AG beruflich weiter?

Das Ziel ist es, den vollständigen Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. Den Weg dahin muss ich aber behutsam gehen. Es ist für mich wichtig, dass ich nicht zu viel Druck habe – wie hier in der Südhang Arbeitsintegration & Handels AG. Mit der Unterstützung meines Jobcoachs der GEWA habe ich angefangen, Bewerbungen zu schreiben – zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben. Ich suche eine Arbeitsstelle, wo ich in einem ruhigen Umfeld etwas handwerklich Hochwertiges machen kann und auch Kundenkontakt habe. Es ist mir wichtig, dass ein gutes Arbeitsklima herrscht, mit einem sozialen Chef und einem freundlichen Umgang miteinander. Wenn es hier eine offene Stelle gäbe, würde ich mich sofort bewerben. (lacht)

«Dieses Kleinmöbel ist für mich. Ich habe es selbst geplant, werde es eigenhändig zusammenbauen und als Erinnerung an die gute Zeit hier mitnehmen.»

Marc L., vielen Dank für Ihre Offenheit und das Gespräch.